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    Nur noch 60 Sekunden

    2. August 2011 von Sebastian in Kanupolo · 2 Kommentare

    Hier geht es natürlich nicht um den gleichnamigen Dominic Sena Film mit dem notorisch klammen N. Cage in der Hauptrolle. Nach den Entwicklungen der laufenden Saison ist allen klar, dass wir demnächst auch in Deutschland in „nur“ 60 Sekunden zum Torabschluss kommen müssen.

    Foto von Sebastian Blume

    Während andere Nationen jetzt schon mit Shot Clock spielen, entschied sich der Deutsche Kanu-Verband die Regeln nicht direkt zu adaptieren. So wurde zum letzten Kanutag beschlossen (so heißt das offizielleste aller Verbandstreffen, in dessen Rahmen die Wettkampfbestimmungen geändert werden können), dass sich Turnierausrichter aussuchen dürfen, ob sie mit oder ohne Shot Clock spielen wollen.

    Rückblick

    Aus heutiger Sicht – schließlich kommt auf der Europameisterschaft in Madrid die Shot Clock zum Einsatz – kann man sich durchaus den Kopf fassen und fragen, warum man nicht auch in der Bundesliga die neuen Regeln umgesetzt hat. Im Endeffekt lässt sich die Entscheidung, neben dem zusätzlichen Aufwand der Organisatoren einen Shot Clock Assistenten bereitzustellen, auf zwei Argumente zurückzuführen. Eins davon lass ich gelten und hätte sogar einen Vorteil bringen können. Das andere ist ebenfalls nachvollziehbar, jedoch aus meiner Sicht nur bedingt verständlich.

    Klar kosten Shot Clock Systeme Geld. Nimmt man beispielsweise das australische „Angebot“ von Kayaksplus für eine modifzierte Wurfuhr aus dem Basketball ist man bei rund 1.400 € – ohne Porto versteht sich. Sucht man direkt nach dem System von molten, kann man den Preis auf die Hälfte drücken. Immer noch eine stolze Stange Geld, wenn man sich vorstellt, dass auf einen Schlag alle Turniere mit entsprechenden Systemen ausgestattet werden müssten. Um die Kosten für die Turnierveranstalter so gering wie möglich zu halten, wäre auch eine Anschaffung durch die Verbände nach belgischen Vorbild denkbar gewesen. Egal wie man es dreht, die Einführung der neuen Regel in den Spielbetrieb führt definitiv zu Kosten und es gilt: Aufgeschoben ist eben nicht aufgehoben.

    Der andere Grund hängt mit dem ursprünglichen Plan der European Canoe Association zusammen, nur zwei der drei ECA Cups mit Shot Clock auszuspielen. Zum Zeitpunkt der Saisonplanung durch die ECA und durch den DKV stand die endgültige Entscheidung, wie in Madrid gespielt werden soll, noch aus. Wäre es zu einer Absage gekommen, hätte Deutschland alles richtig gemacht und seine Athleten in der laufenden Bundesligasaison optimal auf den internationalen Höhepunkt vorbereitet. Jedoch entschied man sich nach positiven Feedback der ersten beiden Turnierstopps auch auf dem Abschlussturnier in Belgien mit der neuen Regel zu spielen. Dass die Shot Clock nun auch in Madrid zum Einsatz kommt, war dann nur noch Formsache und aus deutscher Sicht die Fehlspekulation perfekt. Die Athleten der deutschen Nationlmannschaften hatten so nur in 4 Turnieren (Helmond Internation Tournament und drei ECA-Cups) die Möglichkeit sich an die begrenzte Angriffszeit zu gewöhnen.

    Einfluss auf das Spielgeschehen

    Während man nach den ersten Test-Turnieren noch ablehnende Stimmen vernahm, ist inzwischen eine klare Tendenz der Zustimmung erkennbar. Auch Jürgen Konrad, Organisator des Deutschland Cups, sprach sich zum 3. Spieltag in Radolfzell für eine Einführung der Shotclock in der Saison 2012 aus. Aber wie sieht es aus mit den kritischen Stimmen? Wird durch die neue Regel das Spiel tatsächlich besser? Kommt drauf an, was die Zuschauer sehen und Akteure auf dem Feld spielen wollen. Lieber ein über Minuten perfekt ausgespieltes Tor mit nur einem Wurf (wie es die Meidericher zurzeit praktizieren) oder viele torlose Würfe aus nicht optimalen Positonen. Klar ist diese Darstellung überspitzt und wir sind uns alle einig, dass der Sport vom Drang zum gegnerischen Tor lebt. Pässe an der Mittelinie, die die Zeit überbrücken sollen bis ein solcher Spielzug überhaupt möglich ist, sind sterbenslangweilig – vor allem für die Zuschauer. Des Weiteren haben alle besseren Teams bereits festgestellt, dass 60 Sekunden locker ausreichen, um eine gute Chance herauszuspielen oder durch einen Wurf aus spitzem Winkel eine Ecke zu „provozieren“.

    Fazit

    Ob Kanupolo die Shot Clock wirklich braucht? Meine Antwort fällt mit Blick auf die oben stehenden Ausführungen sicher irritierend aus: Ich glaube nicht. Zumindest nicht zwingend. Die Spiele um die Titel und Turniersiege waren und sind auch ohne Shot Clock spannend. Sie finden ihren Sieger so gut wie immer in einer attraktiven Manndeckung. Aber flächendeckend eingeführte Shot Clocks bringen in meinen Augen einen enormen Vorteil. Die schlechteren Teams sind unweigerlicher gezwungen an ihren Grundlagen zu feilen und werden auf diese Weise für eine höhere Leistungsdichte und noch mehr spannende Spiele sorgen. Denn das wollen wir alle. Sowohl Spieler als auch Zuschauer – knappe Begegnungen auf Augenhöhe. Kantersiege schmeicheln war dem Ego, sind für die anderen aber langweilig.

    Der Sport kann im Endeffekt nur gewinnen. Obwohl sich die Tendenz kontinuierlich besser organisierter Turniere und kleinen Sponsorings (beispielsweise Lotto für den Göttinger PC und Kanu-Gemeinschaft List) nicht von der Hand weisen lassen, ist der große Wurf bisher ausgeblieben. Wenn der Sport den großen Sprung schaffen soll, bleibt es nicht aus, dass sich Kanupolo verändern muss. Wie sollen Veränderungen Anklang finden, wenn selbst kleine Änderungen, die den Sport nun nicht wirklich in seinen Grundfesten erschüttern, auf Grund einzelner Nein-Sager nicht umgesetzt werden.
    Veränderungsbereitschaft und Mut zu Neuem sind die Chance Kanupolo bekannter werden zu lassen. So ist das allumfassende Fazit klar. Ab jetzt heißt es nicht nur auf Grund des neuen internationalen Standards auch in Deutschland: Nur noch 60 Sekunden.

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    Seit mehr als 10 Jahren spiele ich Kanupolo und verbinde mit dem Sport weit mehr als geworfene Tore oder gewonnene Partien. Kanupolo ist für mich die beste Sportart der Welt und fasziniert mich von der erforderlichen Athletik über die komplexe Technik bis zur Turnierorganisation und die Geschichten der Sportler und Offiziellen. Und genau um das geht es auf www.POLOSPOR7.com - Geschichten, Informationen sowie Ergebnisse, Bilder und Berichte über Kanupolo in Deutschland und der Welt.

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